Die Legende von der Christrose und allerlei Wissenswertes über eine Blume im Winter - page 10

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ihre ökonomische und wirkungsbewusste Erzählkunst ebenso in den
kleineren Formaten, in den Novellen und Kurzgeschichten. In den kür-
zeren Texten kommt ihr charakteristischer Ton, der schlichte und lako-
nische, an mündlichen Erzählungen wie auch an den isländischen Sagas
des Mittelalters geschulter Stil sogar besonders deutlich zum Tragen.
Diese Schlichtheit darf freilich nicht mit Kunstlosigkeit verwechselt wer-
den, wie das des Öfteren geschehen ist. „Es strengt an, einfach zu sein“,
schrieb sie einmal.
Während in
Gösta Berling
noch ein gewisser burlesker Überschwang
vorherrscht, kultiviert die Autorin sehr bald einen Erzählstil, der auf
das Wesentliche der Geschichte konzentriert ist, auf Reflexionen und
Abschweifungen weitgehend verzichtet und bei dem gleichzeitig vie-
les unausgesprochen bleibt und vom Leser selbst ergänzt werden muss.
Nicht zu Unrecht hat man häufig Parallelen zu der psychologischen
Romankunst Knut Hamsuns gezogen. Doch während bei Hamsun
besonders in seinem resignativen Spätwerk ein eher nihilistisches Men-
schenbild vorherrscht, ist in Lagerlöfs Geschichten das Wirken höherer
Kräfte, das Wunderbare stets im Bereich des Möglichen.
Die Legende von
der Christrose
ist hierfür ein Paradebeispiel.
Die Geschichte spielt nicht in Värmland, sondern ganz im Süden
Schwedens, in Schonen, wo Selma einige Jahre als Lehrerin wirkte und
von wo aus auch Nils Holgersson seine abenteuerliche Reise mit den
Wildgänsen beginnt. Zeitlich einordnen lässt sich die Legende durch den
Bischof Absalon, der von 1128 bis 1201 lebte und seit etwa 1177 Erzbi-
schof von Lund war. Einige Jahre zuvor hatte dieser mächtigste nordische
Kirchenfürst seiner Zeit einen Kreuzzug gegen die damals noch heidni-
schen Bewohner der Insel Rügen angeführt.
Die Legende führt uns also ins Mittelalter, in eine Zeit, in der
Schonen noch zu Dänemark gehörte. Die Räubermutter kommt eines
Tages nach Öved, „das zu jener Zeit ein Kloster war“. Die Klöster wur-
den in Skandinavien nach der Reformation Mitte des 16. Jahrhunderts
allesamt geschlossen. Heute erhebt sich an dieser Stelle ein prachtvolles
Rokokoschloss, das seine katholische Vorgeschichte nur noch in seinem
Namen Övedkloster bewahrt. Im 18. Jahrhundert wurde es auf den
Überresten eben jenes Prämonstratenserklosters errichtet, in dessen Gar-
ten uns die Legende eingangs führt. Nils Holgersson und die Wildgänse
halten eine längere Rast im Park des berühmten Schlosses; gut möglich,
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